Verständliche Sprache: Drei Tipps, um gelesen (und verstanden!) zu werden

verstaendliche-sprache

Bla, bla, blupp. Warum eiern so viele Menschen rum anstatt zu sagen, was Sache ist? Klar ist: Nur wer eine verständliche Sprache nutzt, dem wird auch zugehört. (Foto: marqs / www.photocase.com)

Es gibt eine Fähigkeit, bei der haben Kinder uns Erwachsenen etwas voraus: Sie sagen, was Sache ist.

„Ich will ein Eis.“

„Darf ich fernsehen?“

„Ich muss aufs Klo.“

Da versteht jeder, worum es geht. Das ist Kommunikation, die funktioniert. Wunderbar.
Auch Erwachsene können das – wenn sie wollen. Eltern sind da ein gutes Beispiel. Die sagen nicht: „Henrike, würdest Du bitte das Tenside-haltige Reinigungsmittel nehmen und damit die Greiforgane deiner oberen Extremitäten waschen?“ Die sagen: „Wasch dir bitte die Hände. Aber richtig. Mit Seife.“

Zuhause kommt es eben darauf an, dass der eine versteht, was der andere sagt.
Doch stopp! Ist das wirklich nur Zuhause so? Wollen wir nicht immer, dass der andere versteht, was wir sagen?

Offenbar nicht. Anders ist es nicht zu erklären, was manche Chefs großer Konzerne von sich geben.

 

Der Hohenheimer Verständlichkeits-Index

Forscher der Universität Hohenheim haben mit einer Software untersucht, wie verständlich deutsche Konzernlenker reden. Versuchen sie in ihren Reden durch Fremdwörter und Bandwurmsätze klug zu erscheinen? Oder interessiert es sie tatsächlich, dass Mitarbeiter, Kunden und Gesellschafter verstehen, was sie sagen wollen?

Ihr Ergebnis: In den letzten Jahren hat sich die Verständlichkeit verbessert. Auf der Skala des Hohenheimer Verständlichkeits-Index von 0 bis 20 erreichten die CEOs im Schnitt 14,4 Punkte – immerhin 4,6 mehr als noch in 2012.

Ein großer Freund des klaren Wortes ist vor allem Telekom-Chef Timotheus Höttges. Er brachte es auf sensationelle 19,8 Punkte. Auch Stephan Sturm, CEO von Pharmakonzerns Fresenius, liegt etwas daran, dass ihn seine Zuhörer verstehen können. Er schaffte 19,1 Punkte. Und bewies gleichzeitig, dass man selbst dann verständlich reden kann, wenn es – wie in der Pharmabranche – um komplizierte Zusammenhänge geht.

 

Das sind die schlimmsten Sprachverschwurbeler

Für die schlimmsten Verschwurbeler gibt es also keine Ausrede. Oliver Bäte, Vorstandschef der Allianz (9,4 Punkte), Henkel-Chef Hans Van Bylen (8,9 Punkte) und Linde-CEO Aldo Belloni (5,9 Punkte) lassen die Chance ungenutzt, mit ihren Reden ein breites Publikum zu erreichen. Belloni übertraf dabei alle: Seine Sätze waren im Schnitt 17,8 Wörter lang. Rekord!

Aber wie immer gilt: Aus Fehlern kann man lernen. Wie also sorgt man dafür, dass man von seinem Gegenüber verstanden wird – und ihn nicht mit vermeintlich intellektuellem Blabla langweilt?

Zu lernen, sich verständlich auszudrücken, ist eine äußerst gewinnbringende Investition. Denn wer sich gut ausdrücken kann, der hat auf jedem Parkett Vorteile: wenn er Reden hält, wenn er auf Facebook postet, wenn er Produkttexte schreibt oder auf eine Kundenanfrage antwortet.

 

Drei Tipps für verständliche Texte

 

1. Passivkonstruktionen vermeiden

Passivkonstruktionen sind immer dann beliebt, wenn man verschweigen will, wer etwas tut. Zur Verständlichkeit tragen sie damit aber nicht bei.

Negativbeispiele:

"Zukünftig werden unsere Führungskräfte neben den erwirtschafteten Ergebnissen genauso nach ihrem Führungsverhalten bewertet." (Oliver Bäte, Allianz)

"Das Ebitda vor Sondereinflüssen soll in unseren Life-Science-Geschäften im mittleren bis oberen einstelligen Prozentbereich erhöht werden." (Werner Baumann, Bayer)

Alles klar?

 

So machen Sie es besser: Aktiv schlägt passiv.

Statt: Wir werden herausgefordert. Die Konkurrenz greift uns an.

Statt: Die Produktqualität wurde erhöht. Unsere Produkte halten jetzt länger/brauchen jetzt weniger Strom/sind nun leichter zu bedienen.

 

2. Fachbegriffe ersetzen

Negativbeispiele:

"Schaden-Unfall-Rückversicherung" (Nikolaus von Bomhard, inzwischen Ex-CEO der Münchener Rück)

"Ergebnisverbesserungsprogramme" (Carsten Spohr, Lufthansa)

"Flüssigkristallfenster-Module" (Stefan Oschmann, Merck)

"Effizienzsteigerungsmaßnahmen" (Rolf Martin Schmitz, RWE)

Die deutsche Sprache bietet tolle Möglichkeiten – aber man muss sie nicht alle nutzen. Eine davon ist, Wortungetüme zu bilden.

Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänskajütenschlüsselloch – Sie wissen schon.

 

So machen Sie es besser: Fassen Sie sich kurz. Denn kurz schlägt lang.

Aus Informationsdefizit wird so eine Wissenslücke

Aus Gefährdungspotenzial wird Risiko

Dasselbe gilt für Fachwörter. Ein Begriff, den mehr als fünf Prozent der Zuhörer oder Leser nicht verstehen, gehört ersetzt oder erklärt.

Aus Arachnophobie wird die Angst vor Spinnen

Aus Meningitis wird Hirnhautentzündung

Aus ATC wird Kontrolle des Flugverkehrs

 

3. Schachtelsätze zerschlagen

Negativbeispiel:

"Sie werden ausführliche schriftliche Unterlagen erhalten, in denen insbesondere die geplante Transaktion, der Fusionspartner Praxair, die Unternehmensführung der neuen Holdinggesellschaft, die Angemessenheit des Umtauschverhältnisses, die erforderlichen Genehmigungen, die finanziellen, bilanziellen und steuerlichen Auswirkungen der Transaktion sowie deren technische Abwicklung im Detail beschrieben werden." (Belloni, Linde)

Wer eine Rede halten oder einen Artikel schreiben muss, der sollte seinen Text mit einem ganz einfachen Trick auf Verständlichkeit testen. Ihn laut vorlesen. Das bedeutet nicht, dass man sich vorstellt, den Text laut zu lesen. Man muss ihn WIRKLICH laut lesen.

Wer sich dabei verhaspelt oder außer Atem kommt, der muss seine Schachtelsätze zerschlagen. Aus Bellonis Rede würde so:

„Wir schicken Ihnen dazu ein Papier. Darin steht, was bei der Fusion genau passiert und was sie bedeutet. Wir beschreiben auch, was unseren Fusionspartner Praxair ausmacht und wer die neue Dachgesellschaft führen wird. Und so weiter.“

 

So machen Sie es besser

Der Hauptsatz sollte ganz bleiben, vermeiden Sie also eingeschobene Nebensätze. Statt: Stürmer Michael Müller, der sich tags zuvor am Fuß verletzt hatte und nur unter Schmerzmitteln spielen konnte, schoss das 1:0. Michael Müller schoss das 1:0. Dabei hatte sich der Stürmer tags zuvor am Fuß verletzt. Er konnte nur unter Schmerzmitteln spielen.

Die zwei Hälften des Verbs sollten zusammenstehen. Statt: Ich habe die Übersicht über unsere laufenden Kosten, die erwarteten Umsätze, die Rückstellungen und die Liquidität verloren.  Ich habe die Übersicht verloren. Ich kenne unsere laufenden Kosten nicht. Ich weiß auch nicht, […]

Schreiben Sie Hauptsachen in Hauptsätze: Belloni packt im Beispiel oben alle wichtigen Informationen in den Nebensatz. Hauptsachen gehören in Hauptsätze. Statt: Die Nachricht lautet, dass eine Hungersnot ausgebrochen ist  Es ist eine Hungernot ausgebrochen. (Noch besser: Die Menschen leiden Hunger.)

Hängen Sie in der Regel Nebensätze besser an statt sie voranzustellen. Statt: Ob er wirklich die hohen Erwartungen der Geschäftsleitung, die sich eine Umsatzverdoppelung erhofft, erfüllen kann, bleibt abzuwarten.  Es bleibt abzuwarten, ob er die Erwartungen der Geschäftsleitung erfüllen kann. Sie hofft, dass er den Umsatz verdoppeln kann.

 

Aber: Die wichtigste Regel ist ganz simpel

Wer jetzt denkt: „Das kann ich mir doch nicht alles merken“, der sei beruhigt. Das müssen Sie nicht. Denn der wichtigste Tipp für eine verständliche Sprache ist ganz leicht: Schreiben Sie, wie Sie sprechen. Dann halten Sie sich von ganz allein an die meisten Regeln für gute Sprache.

Kommentar verfassen

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.